Kreuzes-Hymnus

 

Kreuz des Herrn, du dunkler Kran, 

hebst die Welt nach Gottes Plan

aus dem Tod ins Leben.

Ziehst den Menschen aus dem Schacht,

deine Arme haben Macht,

ihn ins Licht zu heben.

 

Gottes Herrlichkeit und Kraft

drängt aus deinem roten Schaft,

in die Kontinente.

Alle Welt, die dich umkreist

und durchglüht von Christi Geist,

braust, als ob sie brennte.

 

Christi Kreuz, du hebst ihr Nein,

in das Ja des Herrn hinein,

und sie wird dich sehen.

Wenn er kommt am End der Zeit,

wirst du voller Herrlichkeit

gross am Himmel stehen

                                                            Silja Walter



Buchraum Mesopotamien












Aus der Tiefe der Menschwerdung
wandert es schon immer auf mich zu
das offenbarende Wort,
Eingehüllt von schriftlichen Formen und Wendungen,
in Geschichten, Gedicht, Gebot, Psalmgebet
als seine Knochen und Gelenke;
sie tragen es durch die Länge der Zeit.














Durch all dies hindurch
spricht es gegenwärtig zu mir,
in mein atmendes Leben,
macht mich hörend,
gibt mir wegweisenden Ton,
hebt mich in die hohe Zeit der Betrachtung,
ist mir gegenüber und an die Seite geschenkt,
schließt mich an ein uraltes Strömen und Leuchten

Gerhard Mevissen.

 

Nüchternheit

„Wir wollen nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein.“

 Diese Mahnung des Apostels Paulus macht uns zunächst ratlos: Ist Nüchternheit wirklich ein Wert für Christen? Umgangssprachlich ist ein nüchterner Mensch jemand, der die Realität wahrnimmt und nur das, was sich beweisen lässt, anerkennt. Oft bezeichnet man auch Menschen, die keinen Sinn für Geistiges, Künstlerisches oder Religiöses haben, als nüchtern.

Aber ist es das, was Paulus meint? Nüchternheit bedeutet Wachheit, Aufmerksamkeit, bei den Dingen und beim anderen sein. Diese Haltung ist nicht einfach, denn zunächst sind wir immer bei uns. Ein nüchterner Mensch ist fähig, die Subjektivität der eigenen Perspektive zurückzunehmen, anderen und Dingen mit der Bereitschaft etwas zu empfangen entgegenzutreten und nicht nur mit der Frage: Wozu kann ich es oder ihn brauchen? Nüchternheit bedeutet anzuerkennen, dass unsere Bilder von uns selbst, vom anderen und von Gott immer wieder zertrümmert werden müssen.

Was ist das Gegenteil von Nüchternheit? Natürlich Trunkenheit, aber im übertragenen Sinn auch jede Art von Realitätsblindheit. Nicht nüchtern ist ein Mensch, der dem Innenaspekt des eigenen Verhaltens blind vertraut, der naiv an die Kraft der eigenen guten Intention glaubt, der nicht weiß, dass auch er irren kann, der natürliche Vorgänge allzu schnell religiös überhöht:

  •  Der Wunsch, andere ständig zu erziehen ist nicht schon Nächstenliebe oder Eifer für Gott
  •  rein vitale Zuversicht ist nicht dasselbe wie Gottvertrauen
  •  eine Depression ist noch keine von Gott verhängte dunkle Nacht
  • ein zufälliges Zusammentreffen von Ereignissen braucht keine Privatoffenbarung zu sein
  • nicht jeder Gedanke, der mir im Gottesdienst kommt, ist eine Erleuchtung.

Ohne Nüchternheit hält man subjektive Eindrücke für Beweise und bildet aus ihnen feststehende Überzeugungen. Allen Einwänden gegenüber hält man am eigenen „Spüren“ als zuverlässigem Kriterium fest - „postfaktisch“ wie man heute sagen würde.

Es ist ungeheuer wichtig für das geistliche Leben zu lernen, die Dinge, auch das, was in uns selbst ist, beim richtigen Namen zu nennen, denn jede Form von Unechtheit entfremdet uns von Christus. Nüchternheit besteht darin, ständig die eigene Gebrochenheit einzubeziehen und damit zu rechnen, dass die Dinge anders sind, als sie mir erscheinen. Nüchternheit ist also Klarheit des Denkens, das stetige Prüfen eigener und fremder Lebensäußerungen auf dem Hintergrund der Verheißungen Gottes. Nüchternheit ist eine eschatologische Tugend. Sie ist angebracht, weil unser Leben noch nicht am Ziel ist. Es geht darum, alle unsere Bestrebungen auf Gott hin zu ordnen und so „nüchtern, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus“ (Tit 2,12f). Ich glaube, diese Nüchternheit braucht die Welt gerade heute von uns Christen.

 Äbtissin Christiana Reemts, Abtei Mariendonk

 

 Taufe des Herrn (Mt 3,13-17)

Auszüge aus einer ostkirchlichen Hymne auf unsern Herrn und auf Johannes den Täufer.

 Er, der alle tauft, kam zur Taufe und tat sich kund am Jordan. Es sah ihn Johannes und zog seine Hand zurück, indem er also bittend sprach:

„Wie willst du, mein Herr, getauft werden, der du durch deine Taufe alle entsühnest?“...

Es spricht unser Herr: „Ich wollte es! Tritt heran und taufe mich, damit mein Wille geschehe. Meinen Willen zu zwingen vermagst du nicht. Ich werde von dir getauft, weil ich es so wollte.“

„Ich bitte dich, mein Herr, möge ich nicht dazu gezwungen werden! Denn unmöglich ist das, was du mir gesagt hast. Ich habe es nötig, dass du mich taufest; denn du machst mit deinem Ysop alle weiß.“

„Ich habe dich gebeten und es gefiel mir, dass es so geschehe. Und du, Johannes, warum streitest du? Lass die Gerechtigkeit sich erfüllen; Komm, taufe mich! Was stehst du zögernd da?“....

„Wie kann ein Splitter das Feuer mit Händen fassen, da er doch dürres Holz ist! O Feuriger, hab Mitleid mit mir! Lass mich dich nicht berühren! Denn es ist unmöglich für mich!“

...“Du fürchtest dich? Streite also nicht gegen meinen Willen! Und die Taufe harrt auf mich! Erfülle das Werk, zu dem du gerufen wurdest!“...

"Zu klein ist der Fluss, zu dem du kamst, dass du in ihn hineinsteigen und er dich fassen könnte! Die Himmel sind zu klein für deine Macht. Wie sollte die Taufe dich fassen?“

„Kleiner noch als der Jordan ist der Mutterleib. Und doch war es mein Wille, in der Jungfrau zu wohnen! Und wie ich aus ihrem Schoß geboren wurde, werde ich auch im Jordan getauft. ...

 O Stimme in der Wüste, erfülle das Werk, für das du kamst, damit die Wüste, in die du auszogst, erschalle von dem großen Frieden, den du in ihr verkündet hast!“

                         Übers. W. Nyssen  Veröffentlicht in : W. Nyssen, Atmen im Rhythmus des Lichts ( Köln 1993)

 

Am Sonntag nach Epiphanie feiern wir das Fest der Taufe des Herrn. Ein eigenartiges Fest! Das eher kurze Evangelium dieses Tages wirft bei näherer Betrachtung viele Fragen auf. Warum mußte Jesus überhaupt die Umkehrtaufe des Johannes empfangen?

Er, von dem Johannes bezeugt: Ich taufe euch nur mit Wasser der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen! (Mt 3,11) Warum hat also nicht Jesus als der Stärkere den Johannes getauft?

Diese naheliegende Frage stellt auch Johannes selbst. In prophetischer Klarheit erkennt er, wen er vor sich hat, als Jesus an den Jordan kommt. Ein alter Hymnus aus der Ostkirche malt das Gespräch zwischen Jesus und Johannes, das uns im Matthäusevangelium erzählt wird, weiter aus.Zu klein ist der Fluss, zu dem du kamst, dass du in ihn hineinsteigen und er dich fassen könnte! Die Himmel sind zu klein für deine Macht. Wie sollte die Taufe dich fassen? Ja, es ist wirklich unfassbar! Wir haben uns ja mit Recht daran gewöhnt, in Jesus unseren Bruder zu sehen, aber vielleicht sollten wir uns doch das Staunen des Johannes zu eigen machen. Denn manchmal beschleicht ja vielleicht auch uns die etwas bange Frage: Ob sich wohl der unendlich große Gott ausgerechnet um mich kümmert, wenn ich zu ihm bete? Nimmt er mich kleine "Ameise" überhaupt wahr? Schauen wir noch einmal auf den ostkirchlichen Hymnus. Die Antwort, die Johannes auf seine staunende Frage erhält, ist vielleicht auch eine Antwort an uns:

 "Kleiner noch als der Jordan ist der Mutterleib. Und doch war es mein Wille, in der Jungfrau zu wohnen! Und wie ich aus ihrem Schoß geboren wurde, werde ich auch im Jordan getauft"

Eine andere "Erklärung" gibt es wohl nicht als die: Er selbst, der als Sohn immer Gott war und der immer bei Gott war, wollte in unsere irdische Wirklichkeit eintreten, weil dies dem Willen des Vaters entspricht. Er, der als Schöpfungswort jeden von uns ins Dasein gerufen hat, will von einem Menschen getauft werden. So wirkt göttliche Macht: Jesus stellt sich nicht über, sondern unter diejenigen, die er erlösen will. In voller Wirklichkeit taucht er sozusagen in dieses Leben des Menschen hinein, bis zum Ende am Kreuz. Aber nicht das Untertauchen bei der Taufe ist das Wichtigste, sondern die ganze Erzählung im Matthäusevangelium zielt darauf hin, dass der Vater ihn, der sich hat taufen lassen, als seinen geliebten Sohn bezeugt. Ebenso ist auch das Kreuz nicht das Ende des Weges Jesu, denn auch hier bezeugt der Vater seinen geliebten Sohn, indem er ihn von den Toten auferweckt . So ist die Taufe Jesu durch Johannes eine Vorwegnahme seines Weges, den er um unserer Erlösung willen geht.

An diesem Zeichen können wir sehen, dass Erlösung nicht Leidvermeidung bedeutet. Aber vielleicht können wir Dunkles, Schweres, das über uns zusammenschlägt, annehmen, weil Gott es will, wenn wir dieses Zeichen der Taufe Jesu im Jordan verstehen. Wenn wir erkennen, dass Jesus selbst mit uns in die Dunkelheit hinabsteigt, er, den der Vater als seinen geliebten Sohn bezeugt. Vielleicht könnten wir dann das Vertrauen aufbringen, dass er uns durch Tod und Dunkelheit hindurch mitnimmt, um uns zu seinem Vater zu führen.

Sr. Placida Bielefeld, Abtei Mariendonk

 

Das Wort ist Fleisch geworden

Unser Heiland wurde vom Vater geboren außerhalb von Zeit und Tag,

ja durch ihn werden alle Tage geschaffen. Er machte diesen Tag zum

Tag seiner Geburt auf Erden. Und diesen Tag feiern wir heute.

 

Staune : Sie, die ihn geboren hat, ist Mutter und zugleich Jungfrau,

und er, den sie geboren hat, ist Kind und zugleich das Wort.

 

Du, Mutter, sättige unsre Nahrung, gib Nahrung dem Brot, das vom Himmel kommt und in

der Krippe liegt, das die Nahrung ist für die treuen Tiere. Denn der Ochs

hat hier seinen Besitzer erkannt und der Esel die Krippe seines Herrn. Gemeint

sind das Volk der Beschneidung und das Volk ohne Beschneidung. Im

Eckstein sind sie miteinander verbunden, und ihre Erstlinge sind hier, die

Hirten und die Magier. Du, Mutter, nähre ihn, der dich so geschaffen hat,

dass er selber in dir geschaffen werden konnte,

 

Heute verkündet der Engel laut und klar:

Der Schöpfer von Geist und Fleisch kommt selbst im Fleisch!  Johannes, der

selbst noch im Mutterschoss war, begrüsste den Heiland im Schoss seiner Mutter.

Der alte Simeon erkannte in dem Kind Gott, und die Witwe Hanna sah

die Jungfrau und Mutter. Dies sind die Zeugnisse für deine Geburt, mein

Herr Jesus. Noch während deine Mutter dich auf ihrem Arm trägt, erkennt

dich der Erdkreis als den Herrn. Du bist das kleine Kind aus dem Samen Israels,

und doch bist du der Gott mit uns, der Immanuel. Die Geburt des

Heilands ist die Geburt des Wortes, das im Anfang bei Gott war, und das

Gott war. Es ist ewig wie der Vater. Und der das Wort sprach, der war

nicht stumm, bevor er es sprach, und er verstummte auch nicht, nachdem er

es gesprochen hatte.

 

Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

 

Diesen Tag, diese Geburt feiern wir heute: Es ist seine Geburt, der zu uns kam durch Israel, 

und der für uns der Immanuel wurde, der Gott mit uns. Er wird heute der Gott,

der mit uns ist in der Schwachheit unseres Menschseins. Er machte sich zu eigen, was wir sind,

und dabei blieb er, was er war. So befreite er uns. Er hat unsere Sterblichkeit

angenommen, um uns durch seine unvergängliche Wahrheit zu erlösen.

 

Dies also ist seine Geburt. Sie ist geschehen in der Zeit, mitten im Zeitenlauf.

 

Ihn, unsern Herrn und Heiland, lasst uns loben und lieben und anbeten!

 

Augustinus aus der Predigt 369,1